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Autofrei – Jahr #1

… so schnell vergeht die Zeit: heute vor einem Jahr habe ich mein Auto verkauft. Hier ein (kurzer?) Bericht über meine „Learnings“ in jenem Jahr.

Der Weg zum Verkauf

Bevor es jedoch konkret darum geht, noch ein paar Vorbemerkungen und ein wenig Kontext. Im April 2018 ging es für mich vom Land (okay, zuletzt eine Stadt mit ca. 42k Einwohnern) in eine „richtige“ Stadt (nämlich Würzburg, mit ca. 128k Einwohnern) — egal wie, an Autofreiheit hatte ich weder in Ansbach gedacht noch zu meinen ersten Tagen in Würzburg. Aber im Endeffekt konnte ich sowohl zu Fuß den größeren Teil der Einkäufe erledigen als auch zur Arbeit ins Büro gehen. Einkäufe erledigte ich dennoch manchmal mit dem Auto zum Supermarkt, einfach auch aus Gewohnheit. Getränke und so. Dazu kamen üblicherweise drei weitere Fahrten, einmal im Monat zu den Eltern, und zweimal im Monat nach Rothenburg ins Fablab (dem ich seit Jahren verbunden bin).

Mir wurde das irgendwann auch schon relativ zu Beginn bewusst, dass das Auto immer mehr zum Stehauto wurde (also noch weit über die eh schon üblichen 23h/Tag hinaus), … aber es war ein Euro 4 Diesel, 10 Jahre alt, gelber Farbklecks … muss man schon haben wollen … also im Endeffekt eh nicht mehr sonderlich viel wert. So kam der Gedanke, ach kannste jetzt auch behalten bis er gar nicht mehr fährt — bissl praktisch ist es ja doch. Das war so Sommer 2018.

Ein Jahr später stellte sich die Situation dann schon anders dar: abgesehen von den drei oben genannten Fahrten im Monat stand das Auto nur noch rum. Wenn ich es mal bewegt hatte, durfte ich ewig einen Parkplatz suchen. Das Auto musste zum Service. Dann zum TÜV. Nicht bestanden. Also Werkstatt, dann wieder TÜV. Im Herbst und Frühling Räder wechseln. Und über eine Stunde bei der Stadt für einen Anwohnerparkausweis anstehen, der immerhin dazu berechtigte, dass das Auto irgendwo in der Siedlung steht. Long story short: irgendwie hat das Verhältnis von „um’s Auto kümmern“-Fahrten und „ich will wo hin“-Fahrten nicht mehr gestimmt. Ich war nur noch genervt.

Inzwischen war es Mai 2019. In diesem Monat kam ich einerseits zur Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft Würzburg (kurz VEG), andererseits wurde ich dadurch auf die Aktion Stadtradeln aufmerksam. Auf jeden Fall hatte ich mich an mein Gurkenrad erinnert, das zuvor schier jahrelang nur im Keller stand (hier erstmals im Blog ein Bild der Schönheit – ein ALDI-Rad aus dem Jahr 2013):

… so oder so, in dem dreiwöchtigen Aktionszeitraum „Stadtradeln“ bin ich sage und schreibe 70km Rad gefahren 🙂 … anyways, ein Zündfunke war da. Nachhaltigkeit wurde mir wichtiger — und das Auto hat immer mehr genervt.

Es ist weg!

Hat mich dann doch noch einige Wochen gekostet, … der nagende Gedanke das Auto weg zu geben und ob es ohne wohl klappen würde? Beruhigende Gedanken, dass im Zweifel ja das stationsgebundene car-sharing Auto regelmäßig sogar näher an der Haustür steht und unter’m Strich auf jeden Fall nicht teurer sein würde. Ein Stück Freiheit aufgeben, das man über viele Jahre lieb gewonnen hat? Und ist es in Wirklichkeit Freiheit?

Long story short, die ersten beiden Augustwochen 2019 hatte ich Urlaub, und am ersten Urlaubstag war es dann so weit. Das Auto kommt zum erstbesten Straßenaufkäufer — auf langwierig selbst zu Verkaufen habe ich so wirklich keine Lust. Weg damit. Kurz vor 16 Uhr ist es soweit. Kein Auto mehr — zu Fuß geht’s zurück nach Hause.
(das Angebot, dass mich der Käufer nach Hause fährt hatte ich ausgeschlagen)

Komisches Gefühl. Am 15.01.2003 hatte ich mein erstes Auto gekauft, … stolz ohne Ende … 16,5 Jahre später bin ich froh, dass es (also der Nachfolger) weg ist. Und (erstmal noch) auch irgendwie unsicher. War es die richtige Entscheidung? Behalten hatte ich nur noch die über die Jahre an’s Auto gesteckten Visitenkarten:

… habe ich inzwischen nicht mehr.

Übrigens habe ich sogar meine Sonnenbrille (mit Sehstärke) im Auto gelassen. Versehentlich 🙁

Gute zwei Wochen später ging es dann erstmals mit dem Leihwagen zu den Eltern. War irgendwie cool — und viele Gedanken „ob das auch ohne Auto geht?“ hatte ich mir da noch nicht gemacht.

Mate kaufen!?

… Club Mate gehört als Ansbacher irgendwie dazu, bzw. „Bronte“ wie es da halt auch heißt. Sucht ist Sucht. Kiste leer, neue kaufen. Hmm, Auto? Nee, kostenlos Lastenrad ausleihen:

… eine der Erfahrungen, die ich mit eigenem Auto sicherlich nie gemacht hätte. Und es war soooo geil — ich hatte Stunden später noch ein breites Grinsen im Gesicht 🙂

Auch wenn ihr (noch) ein Auto haben solltet, leiht euch mal ein Lastenrad. Es macht einfach nur Laune.

Mit dem Zug auf’s Land?

Irgendwie bin ich über Jom dann recht bald auf den Gedanken Faltrad gekommen — ich hatte ihn gegen Ende August besucht (mit Bahn und Gurkenrad die letzten Kilometer raus auf’s Land). Für die Fahrradmitnahme je 6,50€ extra gelatzt, … mit BahnCard 50 war die eigentliche Strecke vergleichsweise günstig. Und das Faltrad versprach, dass man es „für umme“ mitnehmen darf. Würde auch das „wie zu den Eltern kommen“-Problem lösen (gut, vom Bahnhof sind’s da 26km einfach, …). Cool ist es irgendwie auch. Nur welches? Jom meinte Brompton, hatte vorher aber selbst ein Tern. Bromptons sind schon cool, aber 3-Gang-Nabe, … für weitere Strecken? Das Tern hat immerhin 7 Gänge, … Dinge ausprobieren heißt die Devise: am 13. September hat der Postbote mein Tern Link d7i gebracht 🙂

(und ich hatte damals noch den Irrglauben, dass man ein Kompromiss-Rad für alle Zwecke haben könnte)

… dann ging es los. Im verbleibenden September ging’s immerhin schon 219km quer durch die Region, …

Am ersten Oktober-Wochenende ging’s zu den Eltern. Mit Klappi im Zug bis Ansbach, den Rest mit dem Rad. Und die Strecke bis zum Elternhaus inkl. Höhenmeter war da noch eine echte Herausforderung.

Vor allem weil ich ja auch wieder zurück muss 🙂

Hat aber gut funktioniert. Und die zweite Fahrt war auch cool. Die Dritte auch. Irgendwann hat’s mal ziemlich geregnet. Mit Regenklamotten war aber auch das eine tolle Erfahrung — und mit dem Gedanken an „hah, durchgebissen“ und „siehste, geht auch ohne Auto“ irgendwie auch cool. Zumindest im Anschluss…

Auto-zentriertes Denken

Spannend waren dann noch die Fahrten nach Rothenburg. Die letzte vernünftige Bahn nach Hause geht kurz nach 20 Uhr. Um 23 Uhr fährt auch noch eine, da sind die Anschlüsse aber so doof, dass man über eine Stunde in Steinach am Bahnhof steht. Laaangweilig.

Einmal habe ich das mit dem 23 Uhr Zug sogar gemacht, vielleicht zweimal… aber ist halt echt doof. Das Warten. Und man muss auch echt früh los.

Der nächste Versuch war dann wieder mit dem Car-Sharing-Auto. Das fährt halt auch nachts um drei nach Hause, … wenn’s nach dem Fablab wieder in die Liquid Corner ging. Zum Spezi-Trinken.

Nächster Versuch: weiter durch machen und nicht um drei nach Hause, sondern den ersten Zug morgens um fünf. Auch echt anstrengend.

Also doch Auto? Fast hätte ich vor lauter Auto-Zentriertheit „Ja“ gesagt. Irgendwann kam mir der Gedanke: für die 50€ für den Leihwagen bekommst auch locker ein (günstiges) Gästezimmer (nach der Liquid Corner eh egal, wie nobel das ist) und das Zugticket springt auch mit raus. (ist natürlich eine Milchmädchen-Rechnung, wenn man dann statt Spezi halt Rum oder Whiskey trinkt — aber das ist eine andere Geschichte). Also Gästezimmer und lang an der Bar hocken, statt in der gleichen Nacht mit dem Auto nach Hause quälen? Und einfach am nächsten morgen gechillt nach Hause? Autoverzicht kann so einfach sein 🙂 … man muss nur erst nach Wochen darauf kommen.

So kam es, dass ich am 10.10.2019 das letzte mal selbst am Steuer saß 🙂

… vermisst habe ich das Auto seither keinen Tag.

2 Antworten auf „Autofrei – Jahr #1“

Schön geschrieben.. ich kann mich noch dran erinnern, als Du abends beim Essen von Deiner Idee erzählt hast 😊 und das Klapprad kenne ich auch .

Na dann gratuliere ich mal zum geglückten Ausstieg! Als Großstadt-Bewohner ist eine Auto auch eher eine Strafe als eine Segnung, außer man wohnt im Speckgürtel, selbst dann ist es viel einfacher, sich mit den ÖNV fortzubewegen… Lastenfahrräder sind eine spannende Geschichte, insbesonders dann, wenn man sie leihen kann und wenn sie mit E betrieben werden- das wird dann sogar für Bewohner von Vororten interessant, die dann auch einen Supermarkt in der Nähe anfahren könnten. Immer wieder nett, Dein Blog zu lesen, ride on!

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